zum Thema

Christliche Spiritualität

Gottesdienst auf dem Land

Wachsendes Vertrauen

„Es ist doch eigenartig: Je öfter ich nach Bolivien komme, desto rätselhafter und unbegreiflicher erscheinen mir dieses Land und seine Bewohner. Doch auf der anderen Seite habe ich den Eindruck, dass wir uns Jahr für Jahr vertrauter werden.“ Diese Aussage eines Menschen, der seit vielen Jahren in der Bolivienpartnerschaft aktiv ist, habe ich vor Jahren einmal zufällig gehört.

Etwas Widersprüchliches kommt in dieser Aussage über die Partner in Bolivien zum Ausdruck: auf der einen Seite wird eine steigende Fremdheit der und der Anderen wahrgenommen und auf der anderen Seite ein kontinuierlich gewachsenes Vertrauen bezeugt, die von Verlässlichkeit und Partnerschaft spricht.

Seit über 55 Jahren lebt unsere Bolivien-Partnerschaft, leben wir in unseren Beziehungen mit dieser rätselhaften Spannung. Alle, die schon einmal die Herzlichkeit und Gastfreundschaft unserer Partner in Bolivien erleben konnte, sind durch ihre Bereitschaft zum Teilen, durch ihre ungeschminkte Fröhlichkeit und ihre Großherzigkeit beschenkt worden. Und auf der anderen Seite bleiben die Begegnungsreisen auch geprägt durch das Rätselhafte und Unbegreifliche, das sich hinter dieser Kulturnation, ihren Tänzen und Liedern, der Farbenfreude und den Bräuchen der unterschiedlichen Kulturen, Sprachgruppen, Landschaften verbirgt.

Taufe in Bolivien

Christliche Spiritualität als Lebenshaltung und Glaubenspraxis

Wie ist es dazu gekommen, dass wir uns bis heute in dieser Herzlichkeit verstehen und dennoch immer mehr auch die Fremdheit der Anderen annehmen und respektieren können? Mir scheint, dass im Begriff „christliche Spiritualität“ der Schlüssel zur  Beantwortung dieser Frage liegt: Christliche Spiritualität als Lebenshaltung und Glaubenspraxis, als Vereinbarung der gegenseitigen Wertschätzung und als gemeinsamer Schatz, den wir im Glauben miteinander teilen.

Bei aller Wertschätzung der vielfältigen Aktionen, die Jung und Alt seit Beginn der Partnerschaftsbeziehung entwickelt und umgesetzt haben, geht es der Bolivienpartnerschaft von Anfang an darum, in der Begegnung die Quellen unseres gemeinsamen Glaubens zu entdecken, aus ihnen zu schöpfen und dabei den Schatz der christlichen Spiritualität über alle Grenzen hinweg miteinander zu entdecken. In wie vielen Gottesdiensten haben wir über die Jahrzehnte hinweg für unsere Partner gebetet, vor allem dann, wenn mal wieder Hiobsbotschaften aus Bolivien in den Medien verbreitet wurden. An wie vielen Orten wird jedes Jahr die Bolivienkleidersammlung und andere Formen des Engagements mit einer Statio eröffnet, an die Partner gedacht, für sie – und für einen unfallfreien Aktionstag – gebetet. Von Anfang an leben, beten, feiern Partner der beiden Nationalitäten miteinander: Wir hören und teilen Gottes Wort, beten miteinander, singen und tanzen vor Gott. Waren es am Anfang vor allem die Priester und Ordensfrauen, später die Entwicklungshelferinnen und Entwicklungshelfer, so sind es seit Jahren immer mehr Freiwillige, die jeweils nach Bolivien oder Deutschland aufbrechen, um einen Teil der eigenen Lebenszeit mit den Partnern zu verbringen, das Leben und den Glauben teilen.

Marien-Verehrung in Bolivien

Ein Abenteuer des Heiligen Geistes

„Abenteuer des Heiligen Geistes“ – Mit diesem Wort hat vor 56 Jahren der Kölner Kardinal Josef Frings das Bischöfliche Hilfswerk Misereor gewürdigt. Gleiches können wir heute über die mehr als 55 Jahre der Bolivienpartnerschaft auch sagen: Ein Abenteuer des Heiligen Geistes! Denn nicht unsere eigenen (finanziellen und materiellen) Leistungen und das eigene Bemühen um Begreifen der Partnerkirche in Bolivien standen am Anfang und stehen heute an erster Stelle. Vielmehr ist es der Heilige Geistes, der uns herausgefordert hat, uns auf den unbekannten Weg dieses weltkirchlichen Engagements und der Partnerschaft mit einer Kirche Lateinamerikas einzulassen. Der Heilige Geist hat uns in über fünf Jahrzehnten kostbare Erfahrungen geschenkt. Überall dort, wo Verstehen und Verständigung über große Distanzen hinweg gelingt, wo gläubige Menschen das Band der Freundschaft und der geschwisterlichen Partnerschaft knüpfen und sich die Treue halten, da ist Gottes Heiliger Geist am Werk.

  • Heiliger Geist: Kommunikator für respektvolles Verstehen und Verständigung auf Augenhöhe,
  • Heiliger Geist: Initiator der Kirchen-Bildung für eine neue Epoche unserer Geschichte, Impulsgeber der geistlichen Erneuerung von Gemeinden, Gruppen, Orden, kirchlichen Schulen und Verbänden,
  • Heiliger Geist: Energiequelle, die über den Kirchenraum hinaus in Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft hineinwirkt und zur „Zivilisation der Liebe befähigt.

Die christliche Spiritualität, Atem des Heiligen Geistes, hat uns als Frucht unserer Partnerschaft mit den Quellen unseres weltweiten-katholischen Glaubens tiefer in Kontakt gebracht. Sie ist es, die den Kontakt und die Kommunikation zwischen uns über die vielen Jahre ermöglicht und aufrechterhalten hat. Sie hat uns mit dem langen Atem ausgestattet und mit der Kraft zum Neubeginn in Krisen, Konflikten und bei Missverständnissen beschenkt. Sie hat uns nicht zuletzt ermutigt, uns auf das Abenteuer des Heiligen Geistes einzulassen. Die christliche Spiritualität sprudelt aus den Quellen, die auch in Zeiten knapper Ressourcen in der Kirche nicht versiegen. Sie möge uns gemeinsam auf dem Weg in die Zukunft begleiten, weiterhin und trotz aller Unsicherheiten als Abenteuer des Heiligen Geistes.